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Online Catalogue

3 April 2025 - A Swiss Private Collection
Egon Schiele - Rückenakt eines Knaben mit blauem Tuch Egon Schiele - Rückenakt eines Knaben mit blauem Tuch
Egon Schiele - Rückenakt eines Knaben mit blauem Tuch Egon Schiele - Rückenakt eines Knaben mit blauem Tuch
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Egon Schiele - Rückenakt eines Knaben mit blauem Tuch
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Provenance

Helmut Weiss, Deutschland

Literature

Jane Kallir, Egon Schiele, The complete works, New York, Harry N. Abrams, 1990, S. 399, Nr. 447.

Exhibition

Österreichische Aktzeichnungen von Klimt bis heute: Im Gedenken an Herbert Boeckl, Wien, Secession, 1969, Nr. 64.

Das 1910 entstandene Werk fällt in eine Zeit radikaler stilistischer Entwicklung in Schieles Schaffen: die komplette Befreiung von seinem Mentor Gustav Klimt hin zu einer eigenen, expressiven Bildsprache. Schiele selbst beschrieb diese Metamorphose in einem Brief aus demselben Jahr «Ich bin bis März den Weg von Klimt gegangen. Heute bin ich, glaube ich, sein Gegenteil». Das vorliegende Werk, das den Höhepunkt dieser Experimente anzeigt, verbindet die intensive Beobachtung der menschlichen Figur mit der einzigartigen, ausdrucksstarken Form der Stilisierung des Künstlers zu einer dynamischen, im wahrsten Sinne unter die Haut gehenden Darstellung des Körpers. Obwohl der Künstler hier erst zwanzigjährig ist, beginnt an diesem Punkt seine Reifezeit. Rückenakt eines Knaben ist ein Werk von vollendeter Eigenständigkeit und auch wenn der Begriff des «Genies» mit größter Vorsicht zu verwenden ist, bei Schiele ist er wohl angebracht. Was wir sehen, ist eine nie dagewesene Betonung der Ausdrucksmöglichkeiten von Kontur und Pinselführung. Schiele füllt den Rahmen seiner fiebrigen Linien mit lasierenden Farben und setzt den Pinsel ein, um Masse, Textur und ein Gefühl von Lebendigkeit zu erzeugen, wobei er subtile Farbübergänge sowie Nass-in-Nass-Effekte erzielt. Die Formen, besonders auffällig in der Wiedergabe des Stoffes und der Haut des jungen Menschen, werden durch die Bewegungen der Farbe definiert und verleihen eine pulsierende Lebendigkeit. Wie bei den meisten seiner Figuren entspricht der hagere und knochige Körper der Physiognomie des Künstlers selbst und ist Sinnbild für die Verletzlichkeit menschlichen Daseins. Schieles Akte und Halbakte stehen im Zentrum seiner Arbeit und sind Obsession und Elixier seiner kurzen Schaffenszeit. Jugendliche tauchen in Schieles Werk zwischen 1910 und 1911 immer wieder auf. Sie waren nicht nur bereit, für deutlich weniger Geld zu posieren als professionelle Künstler, sondern, was für Schiele vielleicht noch wichtiger war, sie hatten auch eine gewisse Lässigkeit und Ungezwungenheit, die es ihm ermöglichte, die menschliche Natur zu erforschen.

The work, created in 1910, falls within a period of radical stylistic development in Schiele’s work: the complete liberation from his mentor Gustav Klimt towards his own expressive imagery. Schiele himself described this metamorphosis in a letter written that same year: “Until March, I followed Klimt’s path. Today, I believe I am his opposite.” The present work, which marks the culmination of these experiments, combines intense observation of the human figure with the artist’s unique, expressive stylization into a dynamic, literally visceral representation of the body. Although the artist was only twenty years old at the time, this was the beginning of his maturity. The Back View of a Boy is a work of complete independence, and although the term “genius” should be used with great caution, it is certainly appropriate in Schiele’s case. What we see is an unprecedented emphasis on the expressive possibilities of contour and brushwork. Schiele fills the frame with his feverish lines and glazing colors, using the brush to create mass, texture and a sense of vibrancy, achieving subtle color transitions and wet-on-wet effects. The forms, particularly striking in the rendering of the young man’s fabric and skin, are defined by the movements of the paint and give a pulsating liveliness. As with most of his figures, the gaunt and bony body corresponds to the physiognomy of the artist himself and is emblematic of the vulnerability of human existence. Schiele’s nudes and semi-nudes are at the center of his work and are the obsession and elixir of his short career. Adolescents appear repeatedly in Schiele’s work between 1910 and 1911. Not only were they willing to pose for considerably less money than professional artists, but perhaps more importantly for Schiele, they had a certain casualness and informality that allowed him to explore human nature.
Online Catalogue 3 April 2025 - A Swiss Private Collection Lot 386 Egon Schiele 1890–1918

Rückenakt eines Knaben mit blauem Tuch, 1910
Aquarell und schwarzer Farbstift auf Papier
rechts der Mitte monogrammiert und datiert S.10.
45,5 x 30,5 cm

Estimate

CHF 400'000 – 600'000

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Provenance

Helmut Weiss, Deutschland

Literature

Jane Kallir, Egon Schiele, The complete works, New York, Harry N. Abrams, 1990, S. 399, Nr. 447.

Exhibition

Österreichische Aktzeichnungen von Klimt bis heute: Im Gedenken an Herbert Boeckl, Wien, Secession, 1969, Nr. 64.

Das 1910 entstandene Werk fällt in eine Zeit radikaler stilistischer Entwicklung in Schieles Schaffen: die komplette Befreiung von seinem Mentor Gustav Klimt hin zu einer eigenen, expressiven Bildsprache. Schiele selbst beschrieb diese Metamorphose in einem Brief aus demselben Jahr «Ich bin bis März den Weg von Klimt gegangen. Heute bin ich, glaube ich, sein Gegenteil». Das vorliegende Werk, das den Höhepunkt dieser Experimente anzeigt, verbindet die intensive Beobachtung der menschlichen Figur mit der einzigartigen, ausdrucksstarken Form der Stilisierung des Künstlers zu einer dynamischen, im wahrsten Sinne unter die Haut gehenden Darstellung des Körpers. Obwohl der Künstler hier erst zwanzigjährig ist, beginnt an diesem Punkt seine Reifezeit. Rückenakt eines Knaben ist ein Werk von vollendeter Eigenständigkeit und auch wenn der Begriff des «Genies» mit größter Vorsicht zu verwenden ist, bei Schiele ist er wohl angebracht. Was wir sehen, ist eine nie dagewesene Betonung der Ausdrucksmöglichkeiten von Kontur und Pinselführung. Schiele füllt den Rahmen seiner fiebrigen Linien mit lasierenden Farben und setzt den Pinsel ein, um Masse, Textur und ein Gefühl von Lebendigkeit zu erzeugen, wobei er subtile Farbübergänge sowie Nass-in-Nass-Effekte erzielt. Die Formen, besonders auffällig in der Wiedergabe des Stoffes und der Haut des jungen Menschen, werden durch die Bewegungen der Farbe definiert und verleihen eine pulsierende Lebendigkeit. Wie bei den meisten seiner Figuren entspricht der hagere und knochige Körper der Physiognomie des Künstlers selbst und ist Sinnbild für die Verletzlichkeit menschlichen Daseins. Schieles Akte und Halbakte stehen im Zentrum seiner Arbeit und sind Obsession und Elixier seiner kurzen Schaffenszeit. Jugendliche tauchen in Schieles Werk zwischen 1910 und 1911 immer wieder auf. Sie waren nicht nur bereit, für deutlich weniger Geld zu posieren als professionelle Künstler, sondern, was für Schiele vielleicht noch wichtiger war, sie hatten auch eine gewisse Lässigkeit und Ungezwungenheit, die es ihm ermöglichte, die menschliche Natur zu erforschen.

The work, created in 1910, falls within a period of radical stylistic development in Schiele’s work: the complete liberation from his mentor Gustav Klimt towards his own expressive imagery. Schiele himself described this metamorphosis in a letter written that same year: “Until March, I followed Klimt’s path. Today, I believe I am his opposite.” The present work, which marks the culmination of these experiments, combines intense observation of the human figure with the artist’s unique, expressive stylization into a dynamic, literally visceral representation of the body. Although the artist was only twenty years old at the time, this was the beginning of his maturity. The Back View of a Boy is a work of complete independence, and although the term “genius” should be used with great caution, it is certainly appropriate in Schiele’s case. What we see is an unprecedented emphasis on the expressive possibilities of contour and brushwork. Schiele fills the frame with his feverish lines and glazing colors, using the brush to create mass, texture and a sense of vibrancy, achieving subtle color transitions and wet-on-wet effects. The forms, particularly striking in the rendering of the young man’s fabric and skin, are defined by the movements of the paint and give a pulsating liveliness. As with most of his figures, the gaunt and bony body corresponds to the physiognomy of the artist himself and is emblematic of the vulnerability of human existence. Schiele’s nudes and semi-nudes are at the center of his work and are the obsession and elixir of his short career. Adolescents appear repeatedly in Schiele’s work between 1910 and 1911. Not only were they willing to pose for considerably less money than professional artists, but perhaps more importantly for Schiele, they had a certain casualness and informality that allowed him to explore human nature.